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Reutlingen, einst freie Reichsstadt, am Fuße der Schwäbischen Alb gelegen, war schon immer von betriebsamen, fleißigen Bürgern bewohnt. So war es kein Wunder, dass sich im anbrechenden Maschinenzeitalter aus den ehemaligen Handwerksbetrieben eine vielseitige Industrie entwickelte. Damit stieg auch der Güterverkehr, Rohstoffe kamen an, Fertigwaren gingen ab. Das brachte vor 100 Jahren - anno 1859 – den in Upfingen geborenen Adam Feucht auf den Gedanken, in Reutlingen ein Fuhrgeschäft zu gründen.
Der Zeitpunkt war günstig gewählt, denn als im Herbst 1859 Reutlingen an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, bestellte die damalige Königlich Württembergische Staatseisenbahn Herrn Adam Feucht zum Güterbeförderer. Sein Auftrag war, alle mit der Bahn eintreffenden Güterwagen zu entladen und die Waren den Empfängern zuzustellen. Damit wandelte sich das bis dahin private Fuhrgeschäft in eine „Amtliche Bahnspedition“. Gemessen am heutigen Umfang war der Güteranfall noch gering, denn die Reutlinger Industrie befand sich im ersten Stadium der Entwicklung. Dennoch konnte Herr Adam Feucht mit der Erlangung seiner amtlichen Tätigkeit zufrieden sein. Er war ein geachteter und stadtbekannter Geschäftsmann geworden, der mit Peitschenknall und „hüh“ und „hot“ sein Gespann durch die gepflasterten Straßen der Stadt lenkte.
Im Jahre 1882 legte er die Zügel aus der Hand und übergab den Betrieb seinen beiden Söhnen Johannes und Paul, welche ihn unter der Firma „Gebr. Feucht“ weiterführten. Während Vater Feucht am Anfang noch mit 2 wackeren Pferden auskam, mussten bald weitere Gespanne dazugekauft werden, denn das Reutlinger Geschäftsleben entwickelte sich sehr schnell und der Güterumschlag wuchs von Jahr zu Jahr. Auch in den umliegenden Orten wurde fleißig produziert, und da diese noch nicht an die Eisenbahn angeschlossen waren, mussten alle Güter für die benachbarten Ortschaften vom Reutlinger Bahnhof mit dem Fuhrwerk zugefahren werden. Vierspännig brachte man die Baumwolle zur Spinnerei nach Unterhausen und die Straße gehörte den Fuhrleuten der Herren Feucht, denn der Landsmann Gottlieb Daimler bastelte damals noch an seinem ersten Benzinwagen herum. Am 6. Mai 1890 wurde die Firma „Gebr. Feucht, amtlicher Güterbeförderer“ in das Handelsregister eingetragen.
Mit der feierlichen Eröffnung der Bahn nach Honau am 2. Juni 1892 verlor zwar der Feuchtsche Betrieb diese über 30 Jahre lang befahrene Transportstrecke. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich aber die Industrie in Reutlingen schon so stark entwickelt, dass für die Fuhrwerke im Stadtgebiet selbst genügend Beschäftigung vorhanden war. Reutlingen zählte damals immerhin schon 18.542 Einwohner.
Im Jahre 1897 bauten die Brüder Feucht in der unteren Bismarckstraße, nahe dem Bahnhof, ein Wohnhaus, eine Scheune und Stallungen für 45 Pferde. Wahrhaftig, ein stattlicher Marstall!
Nach damaligem Brauch erhielten die Fuhrleute bei ihrem Arbeitgeber Wohnung und Kost. Das war gewiss keine leichte Aufgabe für die Frauen der Unternehmer, die so auf ihre Weise zum Gedeihen der Firma beitrugen.
Am 6. September 1905 verkauften die Herren Feucht ihren Betrieb an Herrn Carl Hasenauer, der bis dahin amtlicher Güterbeförderer am Eilgüterschuppen in Stuttgart war. Damit erhielt die Reutlinger Firma ihren neuen Namen.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt übernahm die Eisenbahn die Be- und Entladung der Stückgutwaggons in eigene Regie. Der neue Besitzer war damit nicht mehr amtlicher Güterbeförderer, sondern amtlicher Rollfuhrunternehmer. Herr Hasenauer, der sein Geschäft mit großer Umsicht führte, konnte den Betrieb wesentlich erweitern. Anschlussgleise für die Industrie gab es damals noch nicht, so dass alle Wagenladungen und Frachtstückgüter an- und abgefahren werden mussten. Dazu waren zeitweise über 40 Pferde eingesetzt. Aus gesundheitlichen Gründen musste Herr Carl Hasenauer im Juli 1911 das Geschäft abgeben.
Die neuen Besitzer wurden die Herren Weith und Deffner. Sie führten die Firma unter der Bezeichnung „C. Hasenauers Nachf.“ Weiter. Auch unter ihrer Leitung florierte der Betrieb, bis im Jahre 1914 der erste Weltkrieg ausbrach. Herr Deffner musste ins Feld ziehen, Pferde wurden beschlagnahmt und Herr Weith hatte alle Mühe, den Betrieb im erforderlichen Umfang aufrecht zu erhalten.
Nach seiner Heimkehr übernahm Herr Fritz Deffner im Jahre 1919 die amtliche Bahnspedition allein und führte den Betrieb durch die schwere Nachkriegszeit und durch die Inflation. Zur Betriebserweiterung kaufte er ein 45 ar großes Anwesen nahe dem Güterbahnhof, welches die Grundstücke Schieferstraße 108 und Sondelfingerstr. 5 umfasste. Hier ließ er ein dreistöckiges Lagerhaus errichten, an welchem eines der neuen Industrieanschlussgleise vorbeiführte.
Damit war es möglich, Güter direkt vom Waggon ins Lager und umgekehrt umzuschlagen. Außer Stallungen mussten Garagen gebaut werden, denn der Lastkraftwagen fand nun auch im Speditionsgewerbe ständigen Einsatz.
Im Jahre 1921 erhielt der bahnamtliche Rollfuhrunternehmer von der Eisenbahn die Genehmigung, sich im Sammelgutverkehr zu betätigen. Dieses neue, vielseitige Arbeitsgebiet war bis dahin nur nichtamtlichen Spediteuren erlaubt. Möbeltransport, Lagerei sowie Güter- Nah- und Fernverkehr bildeten weitere Sparten des Betriebes.
30 Pferde und 4 Lastkraftwagen bewältigten den ständig wachsenden Güterverkehr. Aber die Wirtschaftskrise der Jahre 1927 und 1931 brachte auch der Firma C. Hasenauers Nachf. empfindliche Rückschläge. Herr Deffner sah sich Ende des Jahres 1931 genötigt, das einst so blühende Geschäft zu verkaufen.
Im Frühjahr 1932 erwarb Herr Gotthilf Deuschle aus Stuttgart das Unternehmen. Als gelernter Spediteur und langjähriger Prokurist und Geschäftsführer eines bedeutenden Speditionshauses in Stuttgart brachte er ein umfassendes Fachwissen mit. Reutlingen mit seiner Industrie und Geschäftswelt war ihm nicht fremd, da er schon in den Jahren 1921-1927 als Geschäftsführer der Mannheimer Lagerhausgesellschaft dort tätig gewesen war. Er bedurfte zielstrebiger Anstrengungen, um den Betrieb wieder auf seine alte Höhe zu bringen. Mit Energie und kaufmännischem Weitblick ging Herr Deuschle an die Lösung dieser Aufgabe.
In Jahren emsiger Arbeit gelang es ihm, unterstützt von einem treuen, alten Stamm fleißiger und zuverlässiger Angestellter und Arbeiter, dem Unternehmen wieder eine gesunde Basis zu geben. Im Jahre 1939 vor Ausbruch des 2. Weltkrieges liefen in der Firma wieder 30 Pferde und 10 neue Lastkraftwagen.
Im letzten Kriegsjahr jedoch traf die Firma ein schwerer Schlag. Durch mehrmalige Fliegerangriffe im Januar und März 1945 wurden sämtliche Gebäude: 3 Wohnhäuser, 2 Lagerhäuser, Garagen, Stallungen und Scheunen, ein Raub der Flammen. Fahrzeuge wurden zerstört und Pferde getötet. Trümmer waren alles, was von dem in jahrelanger, mühevoller Arbeit aufgebauten Betrieb übrig blieb und Herr Deuschle war einer der am schwersten Geschädigten der Stadt. Als der unglückselige Krieg zu Ende war, stand er praktisch vor dem Nichts.
Doch sein Arbeitswille war ungebrochen. Mit zäher Energie ging er, zusammen mit seinem Prokuristen, Herrn Schlumberger, wieder ans Werk. Unter größten Schwierigkeiten wurden Baumaterialien beschafft, um wenigstens das Allernotwendigste aufzubauen. Ende 1945 rollte wieder der erste Lastkraftwagen. Er fuhr mit Boschgütern in die Schweiz und erregte dort großes Aufsehen. Die Schweizer staunten nicht schlecht über den heute auch bei uns schon vergessenen Holzgasgenerator, der im Kriege geholfen hatte, über die Schwierigkeiten im Transportwesen hinwegzukommen. Und die Fahrer hatten in der Schweiz manche Dinge zu bestaunen, die wir in Deutschland lange entbehren mussten und nur noch vom Hörensagen kannten.
Aber erst mit der Währungsreform 1948 nahm das Geschäft wieder normale Formen an. Das in aller Welt bestaunte deutsche Wirtschaftswunder brachte einen Güteranfall wie nie zuvor und erlaubte einen planmäßigen und systematischen Wiederaufbau. Lastwagen und Pferde, Gespann- und Möbelwagen wurden angeschafft, Lagerhäuser, Garagen, Stallungen und Büros entstanden neu und der Betrieb wurde nach modernsten Gesichtspunkten organisiert. Heute bewältigen 80 Angestellte, Kraftfahrer, Fuhrleute, Lagerarbeiter, Automechaniker, Schreiner, Möbelpacker und -träger, von denen viele schon 25 und mehr Jahre im Betrieb sind, eine vielseitige Arbeit:
20 Kraftfahrzeuge aller Größen, dazu 15 Anhänger mit einer Gesamtnutzlast von über 150 Tonnen, außerdem 14 Pferde sind im bahnamtlichen Rollfuhrdienst sowie im Güter-Nah- und Fernverkehr eingesetzt.
Sammelladungsverkehre nach den Hauptplätzen des Inlandes und nach dem Ausland, Transporte mit Seeschiff und Flugzeug nach allen Teilen der Welt, Möbeltransporte im Orts-, Bezirks- und Fernverkehr, Lagerung von Gütern der verschiedensten Art auf 2000 qm Lagerfläche, Verzollung von Importwaren gehören heute zum Arbeitsbereich des Unternehmens und werden von geschultem Personal fachgerecht und zuverlässig abgewickelt. Die Firma C. Hasenauers Nachf., Inhaber G. Deuschle, ist somit heute in der Lage, jeden Speditionswunsch ihrer Kundschaft zu erfüllen.
Mit 2 Pferden hatte es begonnen – vor 100 Jahren …
Als größtes Speditionshaus am Platz kann die Firma C. Hasenauers Nachf., Reutlingen, amtliche Bahnspedition, auf ein ereignisreiches Jahrhundert zurückblicken. In Dankbarkeit erinnern sich Inhaber und Gefolgschaft an die Unterstützung durch einen treuen Kundenstamm, durch städtische und staatliche Dienststellen und nicht zuletzt durch die Deutsche Bundesbahn. Ohne diese Hilfe wäre der Aufbau in so kurzer Zeit kaum möglich gewesen. Dank gebührt auch allen Mitarbeitern, die selbst in schwersten Zeiten treu zum Hause hielten.
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